Seit einigen Jahren werden niedrig dosierte Atropin-Augentropfen eingesetzt, um das Fortschreiten der Myopie bei Kindern zu verlangsamen.
Patienten mit einer starken Myopie (−6 Dioptrien oder mehr) haben ein erhöhtes Risiko für schwere Augenkomplikationen wie beispielsweise Glaukom, Katarakt oder Netzhautablösung.
In der Schweiz gibt es derzeit kein zugelassenes Fertigarzneimittel für diese Indikation, sondern lediglich Magistralpräparate.
Im Jahr 2025 wurden die Augentropfen Ryjunea® in Europa für diese Indikation zugelassen. Sie enthalten 0,01 % Atropin.
Myopie wird in der Regel durch eine Verlängerung des Augapfels verursacht. Der Wirkstoff von Ryjunea®, Atropinsulfat, bindet an muskarinische Rezeptoren im Auge und blockiert deren Aktivität. Der genaue Wirkmechanismus von Ryjunea® ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass durch die Blockade dieser Rezeptoren Veränderungen der Augenform angeregt werden, wodurch eine weitere Verlängerung des Augapfels verhindert wird.
Die europäische Zulassung von Ryjunea® basiert hauptsächlich auf einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 847 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 14 Jahren. Die Teilnehmer erhielten entweder Augentropfen mit 0,01 % Atropin (entsprechend der zugelassenen Dosierung), mit 0,03 % Atropin oder wirkstofffreie Augentropfen.
Über zwei Jahre war die durchschnittliche jährliche Zunahme der Myopie in der Gruppe mit 0,01 % Atropin geringer als in der Kontrollgruppe ohne Atropin. Nach drei Jahren hatte sich der Unterschied zwischen den Gruppen jedoch abgeschwächt.
Die Studiendauer war zu kurz, um langfristige Komplikationen beurteilen zu können.
Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erteilte Ryjunea® aufgrund des begrenzten klinischen Nutzens keine Marktzulassung.
Gemäss der Fachzeitschrift Prescrire beruht die Behandlung der Myopie in erster Linie auf dem Tragen von Brillen oder Kontaktlinsen. Darüber hinaus scheint die Zeit, die im Freien verbracht wird, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Bereits 15 Minuten Aufenthalt im Freien pro Tag könnten hierfür ausreichend sein.
Quellen:
Prescrire, Atropine en collyre (RYJUNEA°) et myopie chez certains enfants et adolescents, 514/2026/p574
Pharmazeutische Zeitung, Kurzsichtigkeit: Sonnenlicht statt Atropin, 41/2024/p30
EMA, product information, Ryjunea


